04.02.2020 | Darmstadt, Hessen

"Innolab? Okay... und Du machst da den Gottschalk oder was?"

Ein Gespräch mit Tobi Schneider, Projektmanager des INNOLAB, der Digitalen Innovationswerkstatt der 16 Kommunalen Jobcenter in Hessen.


Interview

Agil? Bitte was? Also Du setzt Dich mit Mitarbeitern aus der Verwaltung zusammen und ihr erfindet neue Dinge? Dieses moderne Scrum Ding oder wie? Da habe ich mal was gelesen, irgendso ein Design Sprint, wo die 5 Tage da hocken und was zusammenzaubern. Aber verstehen tue ich das nicht. Muss man da nicht IT Nerd sein? Und wie soll man was Digitales erfinden wenn man nicht programmieren kann? Das muss doch programmiert werden oder? Machen die Mitarbeiter das dann selber?


Nein, warte mal. Deine Fragen beinhalten gleich mehrere Punkte. Also erstmal das Thema "Agil". Man hört es überall, manche sagen "das ist so ein Hipster Jargon". Es ist faktisch modernes Projektmanagement, insbesondere bei einer Überarbeitung eines bestehenden Produktes, was auf dem Markt nicht gut ankommt oder besser ankommen könnte. Warum? Weil der Markt sich verändert und die Kunden kontinuierlich Veränderungen wünschen, die umgesetzt werden müssen. In einfachen Worten: Agil heißt aus dem Englischen übersetzt nichts anderes als "beweglich". Es besteht also kein klassischer Plan, der durchgezogen werden muß. Die agile Methode ist flexibel, man kann zurückgehen, wenn etwas nicht funktioniert, das nennt man iterativ. Das Wichtigste ist hierbei aber, um auch das in einfachen Worten zu sagen, der Ausgangspunkt. Der klassische Weg ist diktiert von oben, die Geschäftsführung erstellt einen Plan und verfolgt ein Ziel, die Mitarbeiter haben in Entwicklungsstationen ihr Soll zu erfüllen. Am Ende steht das am Anfang definierte Produkt. Nun kommen wir zum Knackpunkt: Umdenken. Wer weiß denn besser Bescheid was benötigt wird als der Mitarbeiter selbst und dessen Kunde? Ja, nämlich diese beiden Gruppen. In meinem Job geht es, plump formuliert, um die Schnittstelle zwischen der Leitung und den Mitarbeitern und Kunden. Ich plane Treffen in themenbezogenen Kleingruppen, moderiere, protokolliere, gebe Informationen und Ergebnisse an das Steuerungsgremium und an KJC Leitungen und plane die nächsten Schritte aufgrund der erarbeiteten Ergebnisse. Programmieren muss keiner können. Eigentlich gibt es nur eine Anforderung an die Teilnehmer: Bitte sprecht frei heraus oder bringt zu Papier, was Euch zu den Themen einfällt. Wenn man eine Idee hat, sollte man sie einfach mal frei vorstellen, es geht nicht darum dass es umsetzbar ist! Es geht um Bedürfnisse, und manche kann man nur beschreiben.


Okay - und Du machst da den Gottschalk oder was?


Haha, nicht wirklich. Ja, ich bin der Moderator der Tagesveranstaltungen, überlege im Vorfeld natürlich einen Programmablauf - inhaltlich agieren die Teilnehmer jedoch völlig frei, das ist ja das Ziel. Ich bin ja auch nicht vom Fach wie die Teilnehmer, die KJC Mitarbeiter. Es geht darum Bedürfnisse zu entdecken, Needs. Was wird gebraucht? Wo soll die Reise hingehen? Ich habe diese Idee... usw. Es ist immens wichtig, dass Erfahrungen ausgetauscht werden, Wünsche geäußert werden, gemeinsam Punkte fokussiert werden. Schritt für Schritt. Und das kann durchaus Spaß machen. Mit den unterschiedlichsten Methoden, von Brainstorming über Design Thinking bis Rollenspiel. Gottschalk dagegen fährt den klassischen Projektplan: 120 Minuten, hart getaktet, kaum Zeit um den Prominenten die Hand zu schütteln. Keine Option auf Änderung des Ablaufs. Am Ende der Sendung hatte er des Öfteren eher Ärger mit der Geschäftsleitung, dem Sender. Wegen Überziehung. Das vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration geförderte Innolab dagegen hat hier einen bewussten Freischein. Rückschritt erlaubt, Überziehung erlaubt. Neue Wege im Prozess einschlagen? Erlaubt. Meine persönliche Meinung dazu: Verwaltung wird des Öfteren als Institution betrachtet, in der zu definierten Öffnungszeiten Anliegen, ja Formulare bearbeitet werden. Das Innolab, die Innovationswerkstatt, findet dagegen außerhalb dieser Strukturen statt. Die hier in hohem Maße kreative Arbeit kann ungeahnte Potentiale bei den Teilnehmern wecken und sie gibt zudem auch Freiraum für Kritik - und für Spaß!


Du bist nicht vom Fach, sagst Du. Wie bist Du an den Job gekommen?


Ich war 10 Jahre an der TU Darmstadt in Projekten unterwegs. Softwareentwicklung, UI/UX Design, Online-Redaktion, Self-Assessment, Apps, Print Design, zudem Schulungen, Workshops, alles sehr Lab-ähnlich. Nachdem Anfang 2019 keine weitere Anstellung aufgrund fehlender Finanzierungsmöglichkeiten mehr möglich war, es wäre übrigens mein 13. Kettenvertrag gewesen, musste ich mich nach vergleichbaren Alternativen umschauen. Mein Chef nannte mich immer "eierlegende Wollmilchsau", ja ich bin ein Allrounder, Autodidakt, vielfältig, kreativ. Inhaltlich ähnliche Jobs? Gibt es, jedoch schwierig zu bekommen in einem Land, in dem Zertifikate das Maß der Dinge sind. Meine Aufgabe als Schnittstelle im Feld "Transition zur Transformation" in diesem Projekt lässt sich so gar nicht bemessen. Im Grunde habe ich für die klassischen Personalabteilungen "nur" Sport studiert. Auf meiner Suche nach einem Job, der vergleichbar ist und Vielfältigkeit erfordert, habe ich dann mit Freude die Ausschreibung gesehen. Es passt.


Du sagst "Es passt" - Kannst Du das konkretisieren?


Ja es passt. Inhaltlich habe ich ja den Vorteil, dass ich vieles selbst umsetzen kann - aber auch sozial, denke ich. Ich war faktisch schon immer Schnittstelle, hm ja "Schnittstellenberater" könnte man sagen. Schnittstelle zwischen den Teilnehmern bzw. Mitarbeitern, Schnittstelle zwischen den Mitarbeitern und dem Steuerungsgremium des Innolab, ja auch Sprachrohr oder Translator zwischen den Mitarbeitern und der IT Expertise, die erfo derlich ist, wenn die Themenlabs starten und Ergebnisse bringen. Diese müssen ja auf technische und wirtschaftliche Faktoren geprüft werden. Meine Stärke ist, dass ich EDV-Fachsprache "einfach" übersetzen kann, vermitteln kann... und mich auch auf unterschiedliche Personengruppen einlassen kann - zum Beispiel Jugendliche. Wir haben ein Projekt, in dem ich einen Workshop nur mit dieser Gruppe junger Leute durchführe, das ist ziemlich spannend. Aus meiner Erfahrung als Handballtrainer kann ich das glaube ich ganz gut einschätzen.


Kannst du die Erwartungen denn erfüllen?


Nun, eine Schwierigkeit besteht ja: Das ganze Projekt haptisch, ja fassbar zu machen. "Wir haben eine Idee: Am Ende des Jahres haben alle KJC ein FabLab, ein Arbeitsraum für Experimente, ein Daniel Düsentrieb Zimmer. Das hat folgende Ausstattung: Beamer, Whiteboard, Timeclock, Kaffemaschine usw. - lassen Sie uns das umsetzen. Wir reden über Geld, Design, Nutzergruppen." Mit so einer Aussage, einem Powerpoint Vortrag und einer Diskussionsrunde kann man ein Kick Off prima gestalten. Der Zuhörer sieht das Vorhaben, den Weg, das Ziel. Er geht danach nach Hause und hat für sich entschieden, ob das Vorhaben gut oder schlecht ist. Punkt. Das Projekt hat er aber in jedem Fall verstanden. Beim InnoLab, bei dessen Kickoff ich ja leider wegen Krankheit nicht teilnehmen konnte, ist die Auslangslage ganz anders. Ich hätte gerne in meinem Worten erklärt, wie ich als Außenstehender, der vor Dezember 2019 keine Berührungspunkte mit SGB II hatte, das Vorhaben und Potential sehe. Wir wissen nicht was die Ergebnisse der 7 Themenlabore sind. Es gibt lediglich Überschriften. Punkt. "Trust the process", wie es im Design Thinking so schön heißt, ist tatsächlich der Mut, sich auf das Thema einzulassen, wie heißt es oft, das richtige "Mind-Set", auch wenn einem selbst das Thema von vorneherein gar sinnlos erscheinen mag oder die Vorstellung fehlt wie eine Umsetzung möglich wäre. Kann ich die Erwartungen erfüllen, hast Du gefragt. Am Anfang dachte ich: Ok... where do we go. Ein leeres Blatt Papier. Daneben der Projektantrag. Gestartet habe ich also mit Hospitation in unterschiedlichen Kommunalen Jobcentern, das war sehr sehr hilfreich. Mit was habe ich es zu tun? Wie wird gearbeitet? Wo liegen die Probleme? Ich möchte ein kleines Beispiel von der Uni Darmstadt nennen: Tobi, wir wollen Online Self-Assessment machen. Studieninteressierte sollen die Möglichkeit haben, durch virtuelle, digitale Tools zu erkennen, ob ihr Wunschstudiengang zu ihnen passt - Hast Du Ideen? Ein leeres Blatt Papier. Daraus wurden mehrere Produkte. Studienspezifische Tests, Selbsteinschätzungstests, Interviews, VideoClips, Online-Rundgänge im Gebäude mit Campus-Guide, Medienbibliothek, Q/A Chat, persönliche Ansprachen von Professoren im Youtube Channel, Verlosungen, Infostände, hessenweite Meetings mit anderen Universitäten zum Austausch, usw. Von daher: Trust the process.


Wie sehen die nächsten Schritte Deiner Arbeit mit den Teilnehmern aus? Mit was arbeitet ihr?


Ich bin seit gut 10 Wochen im Projekt und musste wie gesagt erstmal das Arbeitsfeld kennenlernen. Ich wurde aber gut an die Hand genommen. Die Scharlach-Geschichte mit 3 Wochen Ausfall war für mich persönlich ein klarer Rückschritt. Ich kann mir vorstellen dass das auf Skepsis gegenüber meiner Person stösst: Wo ist der Kerl? Gibt es den überhaupt? Im Zuge der Vorarbeit für die Projektpräsentation am 20.01.2020 mussten wir wegen der Krankheit dann schnelle Entscheidungen treffen und mein Fehlen irgendwie kompensieren. Ein Erfahrungswert, den ich nicht nochmal haben möchte, es ging halt nicht anders. Ich konnte ja nun meine Funktion as Lab-Koordinator wieder aufnehmen. Dieses Interview soll den Teilnehmern im Vorfeld der Labarbeit wenigstens als ein "Who am I talking to?" dienen. Leider gibt es auch Terminverschiebungen, die entstanden sind. Es müssen neue Termine gefunden werden. Wir haben uns mit Beginn des Projektes dazu entschieden, den Kommunikationsweg mit 7 Labs und ca. 140 Teilnehmern in Microsoft Teams abzubilden. Das Tool ist ungemein praktisch, modern und bietet alle Möglichkeiten, die wir brauchen. Emailverteiler? Nervig, unpraktisch. Die Vorteile von Teams sind ja auch für die Teilnehmer ersichtlich: Alles in einem System. Unabhängig vom beruflichen Alltagsgeschäft. Keine Mails,deren Historie gesondert abgelegt werden muss, unübersichtlich. Interaktion in Form von Chat. Ja man kann auch liken. Telefonie möglich. Videotelefonie möglich - und ungemein praktisch. Dateien zu den Labs verfügbar. Eine schnelle Möglichkeit alle zu briefen, sich mitzuteilen, Kritik zu äußern, man kann Videos verlinken, die thematisch passen, usw. Wir haben hier noch kleine Hürden zu meistern, um alle Teilnehmer zu ereichen. Das sind aber IT-Probleme, die in den einzelnen KJC mit ihren unterschiedlichen Infrastrukturen einfach gelöst werden können. Teams bietet nämlich die browserbasierte Oberfläche, man erhält eine Einladung per Mail für sein Themenlabor, annehmen, fertig, Die Daten werden in Deutschland, in Frankfurt gespeichert. Das Thema Datenschutz ist übrigens ein großes Thema, was uns immer vor Herausforderungen stellen wird. Und genau darum geht es im Lab auch. Herausforderungen erkennen oder heranziehen, die bisher Hürden waren, und diese abbauen und den Weg ebnen für wirkliche Innovation.


Abschließend nochmal zum Thema "Agil" eine Frage. Wenn ich das richtig verstehe, weiß man bei dieser Art der Umsetzung noch nicht, wie das Endprodukt konkret aussehen wird. Wie kann man dann schon mit der Umsetzung beginnen?


In einem agilen Projekt wird nicht ein bereits fertig konzipiertes Produkt zur Umsetzung gebracht, sondern nach jedem Schritt bei der Entwicklung finden Sprints statt. Bei diesen Sprints wird getestet und geprüft, ob das Produkt so beim Nutzer ankommt und dieses wird ggf. auch immer wieder mit Nutzern getestet. Es wird also kein fertiges Produkt irgendwann ausgerollt, sondern es werden immer wieder MVP (Minimum Viable Product) zur Prüfung gezeigt, welche dann aufgrund der Rückmeldungen weiterentwickelt werden.


Die Digitale Innovationswerkstatt

Das "Innolab Hessen KJC" ist ein Gemeinschaftsprojekt der 16 Kommunalen Jobcenter in Hessen. Aktuelle Informationen zu den aktuell sieben Themenlaboren finden Sie auf der Projektes: INNOLAB HESSEN KJC

CV | Tobi Schneider

Berufserfahrung

2012 - 2019

Projektmanagement, Webdesign UI/UX

TU Darmstadt

Deutschland, Darmstadt

2007 - 2011

Grafiker, Redakteur

TU Darmstadt

Deutschland, Darmstadt

2002 - 2004

Photoshop Designer

Design Gruppe Darmstadt

Deutschland, Rossdorf

Ausbildung

2004 - 2010

M.A. Sportwissenschaft

TU Darmstadt

Deutschland, Darmstadt

2001 - 2004

Drucktechnik, Englisch (LaB)

TU Darmstadt

Deutschland, Darmstadt

1991 - 2000

Abitur

Edith-Stein-Schule

Deutschland, Darmstadt

1998 - 1999

A Levels

Adams School Wem

UK, Shropshire

Kontakt

Innolab Hessen KJC

Adresse
Hessischer Städtetag
Frankfurter Str. 2
65189 Wiesbaden
Telefon
017660848907
Email
tobi.schneider@innolab-hessenkjc.de